Eine kurze, aber sehr lehrreiche Geschichte über das Geld,
basierend auf einem Text von Egon W. Kreutzer.
Abdruck in der Depesche mit Genehmigung des Autors, Redaktion: Michael Kent. Zum Originaltext.

Ein einfaches Geldmodell – wie Geld funktioniert

Ein einzelner Mensch ist in der Lage, ohne besondere technische Hilfsmittel, ohne Kunstdünger – und ohne EU-Richtlinien – so viel Land zu bewirtschaften, dass von seiner Ernte 20 Menschen satt werden könnten.

Damit ist dieser Mensch aber noch nicht ausgelastet. Zwischen Ernte und nächster Aussaat hat er ein paar Monate Zeit, um Bäume zu fällen, Bretter zu schneiden, Möbel zu bauen, und so könnte er als Tischler – ganz „nebenbei” – den Bedarf von ca. 20 Menschen decken.

Konstruieren wir nun ein einfaches Modell für das Funktionieren des Geldes. Sagen wir, eine kleine Dorfgemeinschaft bestehe aus 4 Familien mit jeweils 5 Familienmitgliedern.

So könnte es neben dem bereits erwähnten „Tischler-Bauer” beispielsweise noch einen „Weber-Schneider”, einen „Maurer-Fischer” und einen „Töpfer-Schmied” geben, von denen jeder in seinen Gewerken so viel herstellt, dass damit der Bedarf der ganzen 20-köpfigen Gemeinschaft gedeckt werden kann.

Eine eigene Währung

Wenn die 4 Familien untereinander eine Währung einführen würden, um damit die Mühen des Tauschhandels zu überwinden, dann bräuchte man nichts weiter zu tun, als jeder Familie einmalig einen Geldbetrag von vielleicht 1000 Einheiten zur Verfügung zu stellen.

Das könnten zum Beispiel 1000 Zettelchen sein, auf denen alle 20 Bürger unterschrieben, dass es sich dabei um einen Original-Geld-Zettel mit dem Wert „1” handle. Solche Zettel kann man überall in Umlauf bringen. Es müssen keine Dollar dafür herangeschafft werden, es reicht, wenn dieses Zettel-Geld von denen akzeptiert wird, die damit Handel betreiben wollen.

Dieser einmal in das System eingespeiste Geldbetrag von insgesamt 4000 Einheiten könnte auf ewige Zeiten ausreichen! Mit diesen 4000 Einheiten können sich die 20 Menschen über ein Jahrhundert (und länger) ernähren, kleiden, ein Dach über dem Kopf schaffen, und ihre Häuser komfortabel möblieren.

Schließlich kann man doch das gleiche Geld, das man gestern für eine neue Hose an die Familie Weberschneider weggeben hat, und das man heute für den Verkauf eines großen Tontopfes von den Weberschneiders zurückbekommen hat, morgen schon wieder benutzen, um damit Brot und Wurst vom Tischlerbauern zu kaufen.

Störung des Gleichgewichts

Dieses wunderbar funktionierende und für alle nutzbringende Austausch- bzw. Geldmodell könnte nun aber empfindlich gestört und durch Fehlverhalten völlig auf den Kopf gestellt werden. Zum Beispiel so:

Die Gattin des Tischlerbauern hat ein ganzes Jahr kein Stück Bekleidung gekauft. Sie hat auch keinen neuen Topf geholt und keine Pfanne und ihren Mann dazu überredet, auf Fisch zu verzichten, lieber die eigenen Kartoffeln zu essen und auch den Anbau am Stall noch ein Jahr hinauszuschieben. Auf diese Weise hat sie es geschafft, dass nach einem Jahr alle 4000 Zettelchen im Besitz der Tischlerbauers waren.

Für den Fortgang der Geschichte gibt es mehrere Möglichkeiten:

  1. Die Tischlerbauers sehen ein, dass das Sparen ein Blödsinn war und verteilen die Zettelchen neu unter alle Familien und schwören, dass sie nie wieder einen solchen Ärger anZetteln werden.
  2. Die Weberschneiders, die Töpferschmieds und die Maurerfischer verlassen Haus und Hof und suchen anderswo Arbeit und Lohn...
  3. Die Weberschneiders, die Töpferschmieds und Maurerfischer rotten sich zusammen und holen sich mit Gewalt Brot und Wurst aus den Kellern der Tischlerbauern, die Tischlerbauerfamilie wird besiegt und mit Schimpf und Schande davongejagt.
  4. Das alte Geld wird von den Weberschneiders, Töpferschmieds und Maurerfischers für ungültig erklärt. Es werden viertausend neue Geldscheine verteilt und die alten Scheine werden zusätzlich im Verhältnis 4:1 in neue umgetauscht, so dass das Spiel mit jetzt 5000 Stück Geld weitergehen kann (= demokrat. Kontrolle).
  5. Die Tischlerbauern erhören das Jammern ihrer Nachbarn und leihen jeder Familie 1000 Scheine, mit der Auflage, nach genau einem Jahr je 1.100 Scheine zurückzuzahlen, womit der Zins erfunden wäre.

Wenn sie die zuletzt genannte Lösung bevorzugen, dann können Sie aus dem Fortgang der Geschichte unserer kleinen, überschaubaren Wirtschafts- und Währungsunion ermessen, wo die Reise hingehen wird:

Eine Talfahrt ins Verderben

Das Geld, das bis vor Kurzem noch nichts anderes war, als 4000 gemeinschaftlich hergestellte Zettel, hat eine neue Qualität gewonnen: Aus vorgefertigten Merkzetteln, die man sich zur Erinnerung und zum Nachweis darüber gab, dass zu einer Leistung noch die Gegenleistung fehlte, weil die zwei Tauschgüter z.B. nicht gleichzeitig am gleichen Ort zur Verfügung standen, war ein eigenständiger, unabhängiger Wert entstanden, dessen Besitz plötzlich genauso wichtig war, wie der Besitz von Brot.

Seit alles Geld im Besitz und Eigentum der Tischlerbauern steht, hat sich die Welt verändert: Aus vier Familien mit gleichem Wohlstand und Lebensstandard ist ein Szenario entstanden, in dem eine Familie, die mit ihrem Geldbesitz alles kaufen kann, drei anderen Familien gegenübersteht, die verhungern müssen, wenn sie nicht schnellstens zu Geld kommen – obwohl sich am Arbeitsverhalten und der Produktivität nichts verändert hat.

Aber sehen wir weiter zu. Das Geld ist verliehen, jede Familie fängt wieder mit 1000 (dieses Mal geliehenen) Einheiten an, alle wirtschaften wieder vernünftig, so wie vor jenem schwarzen Jahr, das drei Familien an den Rand des Abgrundes getrieben hatte.

Nach einem weiteren Jahr besten Einvernehmens und regen Handels hat auch wieder jede Familie 1000 Scheine im Kasten. Dummerweise kann damit am Ende des Jahres zwar der geliehene Betrag zurückgegeben werden, aber für die Zinsen ist kein Geld da. Wo hätte es auch herkommen sollen?

Die Lage wird schlimmer

Es haben also alle ein Jahr lang vernünftig gewirtschaftet, und die Situation ist angespannter als zuvor. Dass einfach zusätzliche neue Zettelchen geschrieben werden sollten, wollten die Tischlerbauers nicht mitmachen (= Versagen der demokratischen Kontrolle). Warum denn auch. Es sind ja genug da. Es wäre ja noch schöner, wenn man einfach neue Zettel schreiben könnte, wenn man alle ausgegeben hat.

Weil nun zusätzliches Geld nicht beschafft werden und die Zinsen nicht bezahlt werden konnten und sich jede Familie für das nächste Jahr sowieso wieder 1000 Scheine von den Tischlerbauern leihen musste, sah sich die Tischlerbauerfamilie gezwungen, ein Schuldenbuch zu erfinden, in dem jede Familie eine eigene Seite bekam, auf der aufgeschrieben wurde, wie viel Geld sie den Tischlerbauern schuldete und wann das zurückzuzahlen sei und wie hoch die Zinsen inzwischen sind, die auch zu zahlen wären und wie viel Zinsen auf die ausstehenden Zinsen angefallen sind.

Und schon wieder erleben wir eine Revolution. Zuerst war aus harmlosen Merkzetteln ein neuer, zusätzlicher Wert entstanden, der alle anderen Werte ersetzte. Jetzt war die Geldmenge gewachsen, ohne dass man neue Scheine geschrieben hätte, nur durch die Einführung eines Schuldbuches, in das Zinsforderungen eingetragen werden konnten.

Obwohl es nach wie vor nur 4000 Einheiten Geld gab, hatten die Tischlerbauern ein Vermögen, das nach dem ersten Jahr (im Buch) auf 4300 Einheiten angewachsen war und mit jedem neuen Jahr weiter wuchs.

Eine dürftige Lösung

Die Frau des Maurerfischers wurde nervös, sie hat sich lange mit ihrem Mann besprochen, und beide haben begriffen, dass dem Tischlerbauern auf diese Weise heute schon ein Teil der Fische gehörte, die erst noch zu fangen waren, und dass dem Tischlerbauern auch schon jetzt ein Teil des Hauses zustand, das noch gar nicht errichtet war.

In größter Sorge vor dem Fortgang dieser Entwicklung, die doch nur dazu führen konnte, dass in wenigen Jahren der Punkt erreicht sein würde, an dem alle Fische, die der Maurerfischervater in seinem ganzen Leben noch fangen würde, und alle Häuser, die er noch bauen könnte, schon dem Tischlerbauern gehörten, noch bevor er auch nur einen dieser Fische gefangen und nur eines dieser Häuser gebaut hätte, suchten sie verzweifelt einen Ausweg.

Schließlich haben Sie dem Tischlerbauern angeboten, ihm ihr Haus und den Hof und das Fischerboot zu übereignen, wenn er dafür die Schulden im Schuldenbuch löschen würde.

Natürlich müssten sie vorerst weiterhin dort wohnen bleiben, bis der Maurerfischervater ein Stück weit weg vom Dorf ein neues Haus gebaut haben würde, aber sie wollten ihm für dieses Wohnrecht einen monatlichen Zins bezahlen, ganz gewiss.

Damit der Plan aufging, fing jetzt die Maurerfischerin an zu sparen und kaufte ein Jahr lang weder Topf noch Pfanne noch Tuch noch Kleid, und als das Jahr um war, war das neue Haus fertig, die Miete war bezahlt, und im Kasten lagen 1500 Zettel.

Armut und Schulden

Beim Tischlerbauern aber weinten der Töpferschmied und der Weberschneider, weil sie diesmal weder die Zinsen noch die Tilgung bezahlen konnten, was der Tischlerbauer mit großem Stirnrunzeln in dem Schuldenbuch vermerkte, und vorsorglich schon einmal darauf hinwies, dass er im nächsten Jahr das Risiko, die 1000 Zettel zu verleihen, wohl nicht mehr eingehen könne, wo doch immer deutlicher zu erkennen wäre, dass die beiden Versager ihre Schulden niemals würden abtragen können.

Man müsse gemeinsam darüber nachdenken, ob nun nicht die Häuser übereignet werden müssten ...
So, und nun sollten Sie kurz darüber nachdenken, was unser reales Geldsystem von der Zettelwirtschaft unserer Tischlerbauer und Maurerfischer unterscheidet.

Links und Weiteres

Ein Artikel aus Depesche 08-10/2008 - Gentechnik, Probleme und Lösungen
Artikel: Der Mann mit den Bäumen
Kurzbeitrag: Die Geschichte vom Tausend-Euro-Schein
"Der Mann mit den Bäumen" wurde 1989 verfilmt. Das Buch ist jedoch empfehlenswerter.
DVD (€ 25,– plus 3,– Porto) oder VHS (€ 15,– plus 3,– Porto) gibt es bei www.kubnyfilm.de.
Das Buch ist von Jean Giono, ISBN 3-290-11949-1, Theologischer Verlag, Zürich. Bei www.amazon.de ab 3,00 Euro gebraucht.

nach oben